
Zutraulichkeit wurde sein
Verhängnis
Der Falkland Wolf (Dusicyon australis) lebte auf den Falklandinseln, 500 km von der Küste Argentiniens entfernt. Er war so groß wie ein mittelgroßer Hund, bis zu 60 cm Schulterhöhe. Die Fellfarbe war rotbraun-grau, an den Ohren außen schwarz und innen weiß. Helle Farbe kennzeichnete seinen Bauch, die Schwanzspitze setzte sich weiß ab. Diese einzige endemische Säugetierart der Inseln ernährte sich von Pinguinen, anderen Seevögeln und wohl auch von Kadavern an der Küste.
Ein Kapitän Strong entdeckte ihn 1690 und hielt die Art für einen Schäferhund. Die Inselform wurde 1765 anhand eines Fells wissenschaftlich beschrieben. Darwin besuchte 1833 die Inseln und beschrieb die Falkland-Wölfe als allgegenwärtig. Der Erfinder der Evolutionstheorie prophezeite dem Tier die Ausrottung wegen seiner Zahmheit. Der Tierforscher Alfred Edmund Brehm nannte ihn Canis antarcticus und nahm die Begegnung mit dem zutraulichen Tier als Bild für die Haustierwerdung des Wolfes: "Als die Falklandinseln zuerst von Menschen besucht wurden, kam der große Falklandwolf (Canis antarcticus) ohne Furcht zu Byrons Matrosen, welche die Neugier für Wildheit hielten und flohen." (Brehms Tierleben. Zweiter Band. Bibliographisches Institut. Leipzig und Wien 1890. S.77).
Es dauerte nur wenige Jahre, bis sich Darwins Prophezeiung erfüllte. Amerikanische Pelzhändler jagten die Caniden in den 1830er Jahren bis zur Vernichtung. 1839 führte die britische Verwaltung Prämien für erlegte Falkland-Wölfe ein. Die Jäger erwarteten die handzahmen Tiere mit einem Stück Fleisch in der einen und einem Messer in der anderen Hand. 1860 gab es im Osten der Inseln keine Falkland-Wölfe mehr. Der Beutegreifer riss gelegentlich Schafe, schottische Siedler sahen in ihm eine "Pest" für die Schafzucht, lockten die Tiere mit Ködern, erschlugen und vergifteten sie. Die Population sank rapide. Eines der letzten Tiere lebte 1868 im Londoner Zoo. Der letzte überlieferte Falkland-Wolf starb 1876 in der Shallow Bay im Westen der Inseln.
Die Genese des Falkland-Wolfes ist bis heute nicht geklärt. Er wird auch als Falkland-Fuchs oder Falkland-Hund bezeichnet. Eine Verwilderung von Haushunden wie beim Dingo erscheint unwahrscheinlich, auch wenn Schädelform und weiße Schwanzspitze für die Abstammung von einer domestizierten Form sprechen. Biologen stellen die Inselform als Dusicyon australis in die Verwandtschaft der Wildhunde Südamerikas, wie dem Pampasfuchs, Andenwolf und Argentinienfuchs.
Das rauhe Klima und die ungünstigen Meeresströmungen sprechen gegen ein Abtreiben einzelner Tiere vom Festland. Die Tiere könnten im Pleistozän eingewandert sein, als der Meeresspiegel weit tiefer lag als heute. Sie hätten sich in der Isolation als Spezies beziehungsweise Subspezies herausdifferenziert.
Die Ausrottung des Falkland-Wolfes ähnelte der Verfolgung des Wolfes. Zwei Faktoren unterschieden ihn vom Wolf in Europa; sie besiegelten sein Schicksal. Der Wolf kannte den Menschen seit Jahrhunderten als Verfolger und mied ihn. Wölfe zogen sich zurück, überlebten in Wäldern und Gebirgen. Die Tiere der menschenleeren Falkland-Inseln hatten den Mensch nicht als Feind kennen gelernt; der Falkland-Wolf floh nicht vor seinen Jägern. Die Inseln boten zudem keine Rückzugsgebiete. Der Falkland-Wolf könnte unter den Caniden als das Beispiel für die Empfindlichkeit von Inselpopulationen gelten. Inselformen sind besonders von Ausrottung bedroht, dies gilt für die Dronte in Mauritius oder die Vogelwelt Neuseelands. Eine Genmangellage bedingte das Aussterben bei den meisten Inselarten. Lebensraumzerstörung von isolierten Populationen, fehlende Menschenscheu, rückentwickelte Schutzmechanismen und das Eindringen neuer Fressfeinde wie Ratten, Hunden oder Katzen sind Faktoren für die Zerstörung von Inselarten. Dies gilt beim Falkland-Wolf nur mit einer entscheidenden Einschränkung. Lebensraumzerstörung und Fressfeinde spielten kaum eine Rolle; er stand an der Spitze der Nahrungskette und konnte sich anpassen, wie die Verfolgung als Schafsräuber belegt. Menschen führten seinen Untergang nicht indirekt herbei, sondern direkt. Der Lebensraum des Falkland-Wolfes bestand weiter; nur, es gab keine Falkland-Wölfe mehr. Die Geschichte des Falkland-Wolfes ist ein trauriges Lehrstück der Vernichtung wilder Tiere in der Konkurrenz um das Nutzvieh und zu Profitzwecken.
Autor: Utz Anhalt
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Magazin "Der einsame Schütze"
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