Mythos Werwolf
Auf einem malerischen Hügel feierte eine große Gesellschaft Mitte des 19. Jahrhunderts ein großes Fest. Als dieses im vollem Gange war, hallte ein grauenvoller Schrei durch das Tal. Aufgeschreckt liefen die Leute in die Richtung aus welcher der Schrei gekommen war und entdeckten einen riesigen Wolf, der ein junges Mädchen gepackt hatte. Geifernd vor Wut lies der Wolf von seiner Beute ab und baute sich kampfbereit über ihr auf. Der Wolf spürte die Angst der Menschen, schnappte sich das Mädchen erneut und verschwand mit ihr im Wald.
Der Anfang einer Horrorgeschichte? Nein, der Anfang eines Berichtes über den Mythos “Werwolf“.
Schon der griechische Geschichtsschreiber Herodot (5. Jahrhundert vor Chr.) berichtet, dass Griechen und Skythen die Neurer für Zauberer hielten, welche sich einmal im Jahr zu Wölfen verwandeln würden. Heute nimmt man allerdings an, dass sie sich als Wölfe verkleideten. Petronius, der von 54 bis 66 n. Chr. lebte, schrieb mit seinem heute noch bekannten satyrischen Roman “Satyricon” eine Werwolfgeschichte.
Neben dem Teufel ist der Werwolf wohl der Dienstälteste “Bösewicht” den die Welt kennt. So ziehen sich die Überlieferungen über Jahrhunderte hinweg bis in unsere heutige Zeit.
In Amerika gibt es sogenannte “Freakshows”, welche durch die Lande ziehen und tierische und menschliche Kuriositäten ausstellen. In einer dieser Shows wurde auch der “hundsgesichtige” Jojo ausgestellt. Er war am ganzen Körper behaart und hatte angeblich sogar die spitzen Fangzähne eines Wolfes. War dieser Mensch ein Werwolf, der nicht nur bei Vollmond seine Gestalt wechseln konnte, oder eine genetische Missbildung.
Die Menschen nennen dieses Phänomen meist Lykantropie, obwohl auch hier wie bei den Vampiren eine Krankheit namens Porphyrie dahinterstecken könnte. Die Erkrankten haben gelbliche, oft stark behaarte Haut, die extrem lichtempfindlich sein kann. Geschwüre deformieren die Hände der Erkrankten, so dass diese aussehen könnten wie Tierpfoten. Im Urin und in den Zähnen treten oft rote Pigmente auf. Interessant ist auch, dass derart Erkrankte meist psychisch und neurologisch Auffällig sind.
Im Jahr 1598 stieß eine Gruppe Bauern in Frankreich auf den blutüberströmten Körper eines 15jährigen Jungen. Zwei Wölfe, die sich über den Leichnam hergemacht hatten, flüchteten in ein nahegelegenes Dickicht. Man verfolgte sie und fand im Gebüsch einen halbnackten Mann mit klauenartigen Fingernägeln, an denen noch frisches Blut und menschliches Fleisch klebte. Er gab zu gerade damit begonnen zu haben den Jungen in Stücke zu reißen, als sich die Bauern näherten. Jacques Rollet hielt sich seinen Aussagen nach für einen Wolf und aus dieser Wahnvorstellung heraus hatte er auf diese Weise schon mehrere Menschen getötet und verzehrt. Ob nun der von den Bauern zweite beschriebene Wolf wirklich existierte, oder nur deren überreizter Phantasie entsprungen war, kann heute nicht mehr überprüft werden.
Auch eine Möglichkeit für die Sichtung von Werwölfen durch ganze Gruppen von Menschen, könnte die sogenannte Mutterkornvergiftung sein, die durch verdorbenen Roggen ausgelöst wird. Diese Vergiftungen waren in Europa seit dem neunten Jahrhundert weit Verbreitet.
Um die Wirkung einer Mutterkornvergiftung zu veranschaulichen, muss man sagen, dass es zur Herstellung von LSD benutzt wurde. Eine Vergiftung mit Mutterkorn könnte die prächtigsten Werwolfphantasien anregen.
Noch im Jahre 1951 vergifteten sich in Frankreich 300 Menschen. 5 von ihnen starben, der Rest litt unter schrecklichen Halluzinationen. Einer der Erkrankten konnte sich sogar aus der Zwangsjacke befreien, verlor sämtliche Zähne, als er die Lederriemen durchbiß und bog zum Schluß Eisengitter vor dem Krankenhausfenster auseinander, um dem Tiger zu entkommen, der ihn in seinen Wahnvorstellungen “verfolgte”, wie er hinterher erzählte.
Seit es das Medium Film gibt, wurde dieses Phänomen zum Thema zahlreicher Horrorfilme und wird wohl auch in Zukunft noch ganze Generationen von Zuschauern in seinen Bann ziehen. Der Werwolf wird in der Mythologie nie aussterben, es gab ihn seit ewigen Zeiten und er wird immer weiterleben. Ob in Buch oder Film, selbst im Glauben einiger Volksstämme hat er einen fest verwurzelten Platz.
Autor: Martina Lohr
Eingetragen in Kategorie: Fabelwesen, Krankheiten, Mythologie, Wildmenschen