Die Insel Sumatra ist mit 473.482 km² die sechstgrößte der Welt. Wir befinden uns im 15.000 Quadratkilometer großen Kerinci-Seblat-Nationalpark. Tapire und Großkatzen kreuzen die Wege des Wanderers. Plötzlich und unerwartet huscht ein kleiner Schatten durch das Unterholz des dichten Bergregenwaldes. Es ist ein aufrecht gehendes Wesen mit langen Armen und menschenähnlichem Aussehen: der Orang Pendek!
Der “Orang Pendek” wird in der Landessprache auch oft “Sedapa” genannt und geistert seit den Sichtungen von Deborah Martyr 1995 wieder vermehrt durch die Presse. Sie hatte ihn Mr. Burglar (Herr Dieb) genannt, da er immer wieder in ihr Lager eindrang und Lebensmittel stahl. Das man die Forschungen ernst nehmen sollte beweist die Tatsache, dass ihre Arbeit durch die britische Umweltschutzorganisation “Fauna and Flora International” unterstützt wird. Schon 1818 wurde der Orang Pendek im “Marco Polo” von William Marsden erwähnt. Er war Sekretär in Benkoelen/Sumatra. Wie folgt beschrieb er die “Wesen” das erste Mal: “Er hatte lange Arme, ein menschenähnliches Gesicht, aufrechten Gang und ist wohl ein Einzelgänger, der in den Bergen lebt.”
Allerdings vermutetet Marsden hinter dem Orang Pendek eine der beiden auf der Insel lebenden Stämme der Ureinwohner. Beide leben sehr zurückgezogen und pflegten zu dieser Zeit noch keinen Kontakt mit der zivilisierten Welt. Auch der Name, den die Bevölkerung ihm zu seiner Sichtung nannte, brachte ihn auf dieses Ergebnis. Orang Pendek, was soviel heißt wie “Kurzer Mann”. In der Sprache der Einheimischen ist Orang Utan (”Waldmensch”) eine abfällige Bemerkung, in Ost-Sumatra für einen anderen Menschen.
Die gezielte Suche nach dem Orang Pendek begann allerdings schon 1890. Der Holländer Dubois, angeregt durch Darwins Evolutionstheorien, begab sich in den Kerinici-Seblat-Nationalpark und wurde dort auch fündig. In einer Höhle entdeckte er einen menschlichen Zahn. Nach neuesten Untersuchungen ist dieser ca. 80.000 Jahre alt. Auch auf der Nachbarinsel Java konnte er Beweise für eine frühe Bevölkerung finden. Ein Schädel mit Backenzahn und einen Oberschenkelknochen. Der Anatom schloß aus dem Oberschenkelknochen darauf, dass es sich um ein aufrecht gehendes Wesen handeln musste, den Homo erectus.
Sieht man sich die häufigsten Beschreibungen eines Orang Pendeks an, kommt man zu folgendem Ergebnis:
- Größe: bis zu 1,20 m
- Aufrecht auf den Beinen gehend
- Braun-schwarze Körperbehaarung, am Kopf des öfteren mit einer längeren Mähne beschrieben
Würde man jetzt eine Zeichnung anfertigen, mit sämtlichem Wissen über gefundene Zähne, Schädelfragmenten und Oberschenkelknochen, käme eine Mischung aus Urzeitmensch und Affen heraus. Der “Missing Link” zwischen Mensch und Tier?
Der Orang Pendek wird meist mit geringer Körperbehaarung beschrieben, was gegen die Affenthese sprechen würde. Nur hat man hier einen überlebenden Urzeitmenschen oder ein Tier vor sich?
1923 wurde im westlichen Sumatra angeblich ein junger Orang Pendek erlegt und in das zoologische Museum in Buitenzorg verbracht. Es handelte sich um ein etwa 40 Zentimeter großes Exemplar mit menschenähnlichen Gesichtszügen. Leider stellte sich dieser Fund als “Scherz” heraus. Die “Jäger” hatten einen jungen Affen rasiert, den Schwanz entfernt und die Eckzähne abgefeilt, um ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken.
Immer wieder fand und findet man auch unidentifizierbare Fußabdrücke auf Sumatra, Java und aus allen Teilen Südostasiens. Sie werden meist als “dreieckig” und ca. 15 cm lang und 10 cm breit beschrieben. Die Fährten sehen sehr menschenähnlich aus, auch wenn die große Zehe an der Außenseite sitzt. Jener Fuß, der zu diesen Trittsiegeln passt, müsste zwar schlank, aber dennoch nicht menschlich sein, rein von der Anatomie her. Der Fuß ist zu kurz, wenn man die Breite der Spuren mit einbezieht.
Aber zurück zu Deborah Martyr und nach 1995. Aufgrund der Spuren rund um das Camp und teilweise auch im Camp, hervorgerufen durch die “Diebeszüge” der Orang Pendeks, konnte sie 4 verschiedene Wesen identifizieren. Wie bei den Menschen unterscheiden sich auch hier die Fußspuren. Es gibt verschiedene Längen, Breiten und auch die Zehenform unterscheidet sich grundlegend. Interessant an den “Beutezügen” im Camp ist allerdings die Tatsache, dass noch nie gezielt nach verbliebenen Haaren gesucht wurde. Jeder Mensch und jedes Tier hinterlässt an einem “Tatort” seinen persönlichen Fingerabdruck. Ein einziges Haar, auch Fingerabdrücke an Gegenständen, könnten hier interessant werden. Mit der heutigen Technik könnte man anhand der DNA-Analyse sehr viel über dieses Wesen herausfinden. Warum hat man das Camp nicht gezielt nach solchen “Überbleibseln” abgesucht?
Den Einwand “Najaaa, das war doch schließlich 1995″ kann man hier nicht gelten lassen. Zu einer akribischen Forschung zählt vor allem das Sammeln sämtlicher Indizien, was hier anscheinend nicht geschehen ist. Man kann nirgends etwas über Kot, Haare oder Handabdrücke finden. Wobei hier vor allem die Abdrücke der Hände interessant wären. Ein Affe z.B. benutzt seine Daumen nicht - aber wie greift der Orang Pendek? Greift er mit dem Daumen, könnte es wirklich ein “Mensch” sein. Wenn die Orang Pendeks wirklich in das Camp eingedrungen sind und es sich nicht um normale Affen handelte, hat man hier sehr schlampig gearbeitet. Bloße Fußabdrücke sind als Beweis nicht ausreichend.
Anscheinend wurden auch Haare gefunden, nur wo? Leider ist das nicht dokumentiert und das wäre hier wichtig. Wurden die Haare auf einer Fährte oder im Camp gefunden? Oder fand man die Haare im Urwald, ohne jeglichen Beweis oder Bezug auf den Orang Pendek? Es wurden Fotofallen aufgestellt und man konnte viele bisher unbekannte, oder verschollen geglaubte, Tiere fotografieren. Nur der Orang Pendek war bisher zu schlau, um in eine dieser Fallen zu “tapsen”, was für seine Intelligenz spricht. Der Rest der Forschung besteht anscheinend nur noch aus der Suche nach dem Orang Pendek, wobei wieder nur die Fußspuren im Vordergrund stehen. Es ist auch mir klar, dass man die Spuren nicht bis zum Ende verfolgen kann, dennoch findet man an solchen Fährten oft Reste des Tieres (Menschen), von dem die Spur stammt. Hier sind wir wieder bei Haaren und Kot. Vor allem in den dichten Wäldern Sumatras müsste hier etwas zu finden sein. Der Orang Pendek wird immer wieder beschrieben, wie er sich mit seinen langen Armen einen Weg durch den dichten Wald bahnt. Kein Tier kann das Unterholz durchstreifen ohne einige Haare zu verlieren. Hier wäre es weitaus sinnvoller gewesen nach den Resten zu suchen, anstatt nicht nur zu versuchen das Tier zu fotografieren oder einzufangen. Mit all den hier zur Verfügung stehenden Mitteln wurde nichts angefangen und eine gute Chance hinter das Geheimnis des Pendek zu gelangen einfach vertan.
Was der Orang Pendek nun wirklich ist wird bis zu einem endgültigen Beweis (Foto, Fang) ein Rätsel bleiben. Ist es ein überlebender Homo erectus, ein Tier oder ganz etwas anderes? Wenn ja, um welches Tier handelt es sich? Eine unbekannte Affenart? Beim Thema Orang Pendek ist die Spekulation offen, wie bei seinem großen Verwandten, dem amerikanischen Bigfoot. Auch hier hat man bis heute keine eindeutigen Beweise finden können.
Eine traurige Tatsache ist allerdings, dass die Sichtungen seit ca. 50 Jahren immer mehr zurückgehen. Nur noch aus den entlegensten Winkeln der Nationalparks kommen ab und zu Sichtungsmeldungen. Offensichtlich wird der Orang Pendek durch zunehmenden Tourismus und die Abholzung der Regenwälder immer weiter in seinem natürlichen Lebensraum bedrängt. Stirbt der Orang Pendek aus bevor man ihn finden kann?

Die Insel Sumatra (Indischer Ozean)
Autor: Martina Lohr