Kryptozoologie in den Medien
Eine Frage, welche wir immer wieder gestellt bekommen, ist jene, was denn die Kryptozoologie überhaupt sei, da man entweder rein gar nichts mit dem Begriff an sich anfangen kann, oder aber man diesen gleich mit Ungeheuern wie Nessie, dem Bigfoot, Drachen oder dem Yeti verbindet. Das Bild der Kryptozoologie in den Medien wird zudem meist durch Monstermeldungen geprägt, obwohl die Kryptozoologie an sich als eine erweiterte Studie der Zoologie anzusehen ist, die sich mit weitaus mehr befasst, als nur mit der Suche nach ein Ungeheuern und Fabelwesen.
Ein weiterer Punkt, welcher ebenfalls sehr oft mit der Thematik der Kryptozoologie in Verbindung gebracht wird, ist ebenso falsch formuliert wie der Aspekt der „Monstersuche“. Auf einer Unzahl von Webseiten wird die Kryptozoologie immer mit der Entdeckung von bislang völlig unbekannten Tieren in Verbindung gebracht, so dass aus jeder zoologischen gleich eine kryptozoologische Entdeckung wird, obwohl dies eine völlig falsche Darstellung ist. Zoologische Entdeckungen sind zwar auch für die Kryptozoologie von großem Interesse, haben aber nur bedingt etwas mit Kryptozoologie zu tun.
Um die Methodik der Kryptozoologie zu erklären, fangen wir einmal mit der Definition des Begriffes an sich an.
Viele Menschen, besonders in der westlichen Welt, sind der Auffassung, dass heute unsere Welt so gut wie komplett erforscht wurde und auch im Reich der Tiere kaum noch etwas zu entdecken ist. Die Zoologie befasst sich mit bereits bekannten Arten und fügt durch Beobachtungen nur noch neues Wissen über diese bekannten Tiere hinzu. Auch der Schutz der Tiere durch die menschliche Bedrohung ist eine wichtige Aufgabe der Zoologie. Immerhin sind zoologisch mehr als 1,75 Millionen Tierarten dieses Planeten zusammengenommen bekannt. Zudem werden ständig neue Arten entdeckt, welche es ebenfalls zu erforschen gilt. Und der französische Baron und Naturwissenschaftler Georges Cuvier gab bereits im Jahre 1819 bekannt, dass man kaum noch unentdeckte Tiere finden könne. Und heute scheint unsere Welt durch Satelliten, Radar, Sonar, Telekommunikation und das Internet viel kleiner und völlig entdeckt zu sein.
Doch diese Annahme ist weit gefehlt, wenn man diese 1,75 Millionen Tierarten für das gesamte Spektrum des Lebens hält. Faktisch ist dies jedoch nur ein kleiner Bruchteil der unbekannten 5 bis 30 Millionen Arten, welche noch vermutet werden (offiziell haben sich die Zoologen auf 15 Millionen geeinigt). Und dabei kennen die meisten Menschen noch weniger als 0,01 Prozent davon. Große Teile unserer Erde sind immer noch absolutes Neuland, denn selbst modernste Satellitentechnik kann nicht den Forscher und Entdecker vor Ort selbst ersetzen. Und diesem sind Grenzen gesetzt, nämlich immer dann, wenn die Natur selbst ein erreichen der Region unmöglich macht bzw. selbst unter großem Technikaufwand erheblich erschwert. Und natürlich ist eine intensive Suche mit erheblichem Kostenaufwand verbunden, welcher vielen Forschern einfach nicht zur Verfügung steht.
Hinzu kommt erschwerend, dass der Mensch mittlerweile extrem viele Arten in ihrem angestammten Lebensraum ausgerottet hat, bevor diese überhaupt zoologisch erfasst werden konnten. Auch die Frage nach längst ausgestorbenen Tieren und deren möglichen Überleben kommt noch als offene Fragestellung hinzu. Und genau hier setzt dann auch die Kryptozoologie an.
Ein großer Teil der modernen Menschen wissen, mit welcher Thematik sich die wissenschaftlichen Disziplinen der Paläontologie oder der Zoologie beschäftigt, doch was ist mit der Kryptozoologie? Kryptozoologie setzt sich aus den griechischen Wörtern “kryptos” für “versteckt” oder “verborgen”, “zoon” für Tier und “logos” für Studie zusammen. In einem Satz sinngemäß übertragen also die “Studie der verborgenen Tiere”.
Eine klarere und ausführlichere Definition, als die grobe Übersetzung des Wortes, zog der bekannte Kryptozoologe Professor Loren Coleman (University of Southern Maine): “Kryptozoologie ist die Studie von versteckten Tieren (ob groß oder klein), welche von der (meist) westlichen Wissenschaft nicht anerkannt werden, deren Existenz aber trotzdem von menschlichen Wesen bezeugt werden kann“.
Die International Society of Cryptozoology (ISC) versuchte sich 1982 an einer weiteren Definition. Demnach enthält die Kryptozoologie auch die mögliche Existenz bekannter Tiere in Gebieten, wo deren Vorkommen nicht vermutet wird, ebenso wie das unbekannte fortdauern vermeintlich ausgestorbener Tiere in die heutige Zeit oder in die jüngste Vergangenheit.
Eine etwas neuere Definition schließlich hat auch das Aufspüren neuer, noch unbekannter Arten, welche sich bis zum heutigen Tage vor der Entdeckung entziehen konnten, obwohl deren Lebensraum als erschlossen gilt, in die Systematik mit eingegliedert. In diese letzte Gruppe fallen Tiere, welche zwar bereits Menschen in besiedelten Gebieten aufgefallen sind, deren Art jedoch noch nicht zoologisch erfasst wurde. Selbst in der unmittelbaren Nähe großer Städte und eigentlich erforscht geglaubter Umwelt werden neue Arten entdeckt. Warum sollte es in solchen Regionen also nicht noch Tiere geben, die uns vollkommen unbekannt oder als ausgestorben geglaubt sind? Immerhin finden hier ständig neue Entdeckungen statt. Doch hier liegt der wichtigste Punkt der Unterscheidung zwischen Krypto- und normaler Zoologie darin begründet, ob diese Tiere der ansässigen Bevölkerung bereits aufgefallen und somit bekannt waren, jedoch noch nicht zoologisch erfasst wurden, oder ob die Entdeckungen völlig unbekannter Natur sind.
Neben dem hauptsächlich zoologisch geprägtem Aufgabenfeld der Kryptozoologie haben wir dann auch noch jenen Teil, welcher sich mit der Identifizierung von mythologischen Wesen beschäftigt. Dieser Teilbereich wird deshalb auch als „Mythologische Kryptozoologie“ bezeichnet. Wenn man z.B. auf der Spur einer Drachenlegende wandelt und als Ergebnis z.B. einen unbekannten Waran findet, oder eine bereits bekannte Waranart als Hintergrund des Mythos identifizieren kann, wäre dies eine direkte kryptozoologische Entdeckung.
Und dann kommen die „Ungeheuer“ und „Monster“ ins Spiel, deren Hintergründe die Kryptozoologie erforscht. Vornehmlich ist dabei die Identifizierung und Erfassung der Tiere der wichtigste Aufgabenpunkt. Oftmals können solche „Ungeheuer“ als völlig normale Tiere identifiziert werden. Doch sind diese nicht das Hauptaufgabengebiet der Kryptozoologie. Die (ernsthafte) Kryptozoologie beschäftigt sich vor allem mit der Entdeckung und Dokumentation normaler Tiere, welche verborgen vor dem Menschen leben. Vor allem der Nachweis von Tieren, welche als bereits ausgestorben gelten, ist ein wichtiger Bestandteil der Kryptozoologie. Dies sind in der Regel Fische, Ratten, Vögel, Echsen, Am-phibien, sehr viele Insekten und Spinnen, Primaten, Raubkatzen und weitere diverse Säugetiere.
Ein anderer Teilbereich wird unter dem Oberbegriff „Hominologie“ geführt, welcher sich mit der Frage von eventuell weiteren existenten Menschenarten, bzw. mit der Weiterexistenz von Menschenvorgängern bis in die heutige Zeit befasst. In diese Kategorie gehören z.B. der legendäre Bigfoot, der Yeti, der Alma und viele weitere Arten von menschenähnlichen Wesen, welche überall auf der Erde gesichtet wurden und werden.
Doch davon wird in den meisten Medien und auf den meisten Webseiten von Kryptozoologie-Fans kein Wort erwähnt. Tatsächlich ist die Suche nach Drachen, Bigfoot und anderen “Monstern” nur ein Randgebiet der Kryptozoologie. Aber dieses Randgebiet übt auf die breite Öffentlichkeit wohl den meisten Reiz aus, wodurch leider die reguläre Arbeit der Kryptozoologie auf der Strecke bleibt und ein unbeachtetes Schattendasein führt.
Der Zoologe Bernard Heuvelmans wird heute als moderner “Vater der Kryptozoologie” angesehen. Der Begriff Kryptozoologie selbst wurde von ihm in den späten fünfziger Jahren geprägt und vom Chefinspektor der französischen Übersee-Territorien, Lucien Blancou, erstmals in einer wissenschaftlichen Publikation, die Heuvelmans gewidmet wurde, verwendet (”Bernard Heuvelmans, Maitre de la Cryptozoologie”) und somit öffentlich bekannter. Heuvelmans sammelte Tausende von Berichten, Legenden, Sagen, Geschichten und Indizien verborgener Tiere und prägte durch seine Arbeit die Kryptozoologie nachhaltig. Zu seinen Publikationen zählen zahlreiche Bücher über dieses Thema, so unter anderem auch die Referenzwerke “On the Track of Unknown Animals”, “In the Wake of the Sea-Serpents” oder “The Kraken and the Colossal Octopus: In the Wake of the Sea-Monsters”. Im Jahr 1981 gründete er zusammen mit Roy P. Mackal, J. Richard Greenwell und einigen anderen die “International Society of Cryptozoology” mit Sitz in Tucson/Arizona, welche sich mit diversen Schriftveröffentlichungen (ISC Newsletter und das Journal Cryptozoology) sehr verdient gemacht hat und mittlerweile aufgrund mehrerer bedauerlicher Umstände aufgelöst wurde. Heuvelmans selbst lebte eher zurückgezogen, da er seit den neunziger Jahren schwer erkrankt war. Am 23. August 2001 starb Bernard Heuvelmans an Herzversagen.
Die kryptozoologisch interessanten Lebewesen selbst werden als Kryptiden bezeichnet, eine Bezeichnung die aus einem Brief an die International Society of Cryptozoology von John E. Wall aus dem Jahr 1983 stammt.
In Deutschland gab es bislang einige, mittlerweile wieder aufgelöste, Ansätze zur ernsthaften Kryptozoologie, wie etwa das „Zentrum für kryptozoologische Forschung“ (ZkF) in Berlin, welches durch Herrn Hans-Jörg Vogel begründet wurde. Im Jahr 2005 schließlich wurde eine neue Gruppierung ins Leben gerufen, der „Verein für kryptozoologische Forschungen“ (VkF), welche sich der Thematik angenommen hat und welcher auch hinter dem Magazin Der Fährtenleser steht.
Durch die Arbeit einiger weniger Personen nimmt die Öffentlichkeit in den letzten Jahren immer mehr Notiz von der Kryptozoologie. Im TV sind teilweise recht ansprechende und gute Dokumentationen zu sehen, welche auf der ernsthaften Erforschung kryptozoologischer Wesen (Kryptide) beruhen. Auch in der seriösen Presse werden immer mehr kryptozoologische Themen verarbeitet.
Leider, und dies ist ein negativer Punkt an den Massenmedien, werden in der Regenbogenpresse und im Internet immer noch etliche Meldungen mit der Kryptozoologie in Verbindung gebracht, welche definitiv nichts damit zu tun haben.
Wenn z.B. eine zweiköpfige Schildkröte geboren wird, ist dieses Ereignis fast immer unter dem Thema „Kryptozoologie“ abgelegt. Doch solche Launen der Natur, welche zudem nicht einmal der Methodik der kryptozoologischen Forschung unterliegen, sind keine Kryptiden und müssen nicht einmal erforscht werden. Anders wäre der Fall gelagert, wenn man eine zweiköpfige Schildkröte in der Natur beobachten würde, ohne genau zu wissen, um welches Tier es sich dabei handeln könnte. Geht man dann Aufgrund eines solchen Augenzeugenberichtes der Geschichte nach und würde dann eine zweiköpfige Schildkröte finden, welche zudem nicht einmal an diesem Ort vermutet wurde, hat man eine kryptozoologische Entdeckung gemacht.
Blickt man einmal durch das Internet, wird man aber überall solche Fehlinformationen vorfinden, wo aus normalen Ereignissen plötzlich kryptozoologische Entdeckungen gemacht werden.
Kommen wir zum Abschluss noch einmal zurück zum TV. Es gibt, wie bereits erwähnt, einige gute Sendungen mit kryptozoologischen Themen. Aber auch die Schattenseite hiervon ist an der Tagesordnung. Monster und Gruselgeschichten über Ungeheuer vermarkten sich nun einmal gut, so dass auf die wenigen guten Sendungen eine Schwemme an unseriösen Falschmeldungen folgt.
Eines der wichtigsten Ziele der Kryptozoologie muss also auch sein, ein öffentliches Bewusstsein und Anerkennung als seriöse Forschungsrichtung zu schaffen. Leider werden die wenigen Erfolge in dieser Richtung durch die beschriebene Schwemme an Fehlinformationen erheblich erschwert. Aber nach 50 Jahren offizieller Kryptozoologie, in welchen diese eher ein Schattendasein als ernsthafte wissenschaftliche Forschungsrichtung führte, befinden wir uns aktuell an einem Punkt, an welchem endlich mehr Menschen davon Kenntnis nehmen.
Autor: Michael Schneider
Siehe auch: Der Fährtenleser 1
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