Menschenfressende Schlangen

Anakonda
Eine Anakonda verspeist ein Wildschwein. Der gedehnte Kiefer ist hier sehr schön zu erkennen.

Präparat im Naturkundemuseum Senckenberg, Frankfurt am Main (Foto: Michael Schneider)

In der Abenteuergeschichte von den Abenteuern der „Schweizer Familie Robinson“ gibt es eine Gruselszene, in der eine große Boa constrictor den Esel der Familie anfällt und diesen verschlingt. Diese Szene aus der Geschichte hat seit ihrem erscheinen etlichen Generationen so manchem Kind einen kalten Schauer über den Rücken gejagt. Viele Leser finden solche Erzählungen zwar recht amüsant, halten aber ein solches Szenario für ein reines Märchen. Dabei sind die wahren Fakten und Tatsachenberichte über die großen Würgeschlangen, welche sogar große Tiere und selbst Menschen verschlingen, weitaus schauerlicher.

Wir wollen uns hier an dieser Stelle nicht mit Gigantenschlangen (Matora, Sucuriju gigante, usw.) beschäftigen, sondern nur einmal einige Fakten über normale Würgeschlangen, wie etwa der Boa constrictor, Python und Anakonda vorbringen und aufzeigen. Alleine in den letzten einhundert Jahren gab es mehrere Hundert belegte Fälle mit Todesfolge, in denen Würgeschlangen Menschen angriffen und töteten. Großtiere, wie Hirsche oder Kühe und Menschen gehören zwar nicht zum normalen Beuteschema der Würgeschlangen, welches aus Nagetieren, Fledermäusen und Flughunden, bis hin zu Wildschweinen, Rehen und kleinen Hirscharten besteht, werden aber trotzdem ab und an angegriffen und teilweise sogar verspeist.

So z.B. der Bericht von George Gardner, welcher Anfang der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts das Amazonasgebiet bereiste. Eines Tages entdeckte Gardner eine offenbar vom Hochwasser flussabwärts getragene tote Boa, welche sich an einem Baum verfangen hatte und eine mächtige Beule in ihrem Körper aufwies. Zusammen mit seinem Freund Senhor Lagoeira barg er die geschätzt etwa 10 Meter lange Schlange. Als die Beiden die Schlange schließlich öffneten, fanden diese zu ihrem erstaunen die Überreste eines Pferdes vor, von welchem noch etliche Knochen und der beinahe unversehrte Kopf erhalten waren. Anhand der Fellmusterung am Kopf erkannte Senhor Lagoeira das Pferd, welches einige Tage vorher von einer flussaufwärts gelegenen Weide spurlos verschwunden war. Doch offenbar war diese große Mahlzeit etwas zu groß für die Schlange, denn diese verstarb wohl aufgrund einer Verstopfung des Magens, ausgelöst durch den großen Pferdeschädel.

Würgeschlangen jagen auf verschiedenste Art und Weise. Pythons und Boas jagen meist von erhöhten Plätzen aus und schnappen sich in schneller Bewegung die unter den Bäumen vorbeilaufende Beute. Hierzu schnappen diese mit ihrem kräftigen Kiefer und den hakenförmigen Zähnen nach dem Körper der Beute und beißen sich daran fest. Da große Würgeschlangen keine Giftdrüsen besitzen, töten diese durch pure Kraft und einen physikalischen Trick. Diese wickeln sich mit ihrem Körper um den Hals und den Brustbereich der Beute und ziehen sich mit jedem Atemzug fester zusammen. Das Beutetier erhält nach jedem ausatmen weniger Platz in der Lunge und erstickt. Anschließend sucht die Schlange nach der möglichst dünnsten Körperstelle und stülpt ihr dehnbares Maul darüber. Mittels kräftiger Muskeln und einer Art Transportsystem, bestehend aus einer Anzahl von Zähnen, welche sich im Körper der Schlange befinden, wird anschließend die Beute Stück für Stück in den langgestreckten Verdauungstrakt der Schlange gezogen.

Felsenpythons haben zudem eine besondere Jagdmethode entwickelt, um sich Fledermäuse zu angeln. In Höhlen hängen sich diese an die Decke und in Spalten und schnappen einfach in die pure Masse der fliegenden Fledermäuse hinein.

Eine weitere Jagdmethode ist das Lauern im Wasser, das besonders von Anakondas, die bevorzugt im Wasser leben, verwendet wird. Hierbei legt sich die Schlange in der Nähe des Ufers auf den Grund des Gewässers und wartet, bis sich ein unvorsichtiges Tier nähert um zu trinken. Auch hier schnappt die Schlange blitzschnell mit ihrem Kiefer zu und beißt sich fest. Die Beute wird dann durch die kräftige Schlange ins Wasser gezogen und umwickelt. Bei dieser Jagdmethode kommt zum Erstickungstod das Ertrinken der Beute hinzu.

Da die Schlangen ihre Beute im Ganzen verschlingen müssen, wird wie bereits erwähnt bevorzugt die schmalste Körperstelle als Ansatzpunkt zum Fressen angepeilt. Dies ist bei Wildschweinen und kleinen Hirschen der Kopf, welcher nach vorne hin spitz zuläuft und in einen wuchtigen Körper übergeht. Bei einem getöteten Menschen hingegen beginnt die Schlange meist mit den Füßen, da diese am Körper die engste Stelle sind und man damit die Beute am einfachsten verschlingen kann. Hier wird die Schlange aber nur in den seltensten Fälle beide Füße direkt als Ansatzpunkt verwenden, sondern mit einem einzigen Fuß beginnen. Das zweite Bein knickt in aller Regel beim kräftigen Hineinziehen in den Körper der Schlange nach hinten weg.

Im Jahre 1927 fiel der Juwelier Maung Chit Chine in Burma einer Python zum Opfer. Während einer Jagdpartie im Gebiet von Thaton wurde die Jagdgesellschaft von einem heftigen Gewitter überrascht. Der Juwelier suchte abseits der anderen Teilnehmer Schutz unter einem großen Baum. Nachdem das Gewitter vorübergezogen war, kam die Jagdgesellschaft wieder zusammen, nur der Juwelier blieb verschwunden. Auf der Suche nach ihm entdeckten seine Freunde seinen Hut und einen Schuh, ganz in der Nähe befand sich ein etwa sechs Meter langer und scheinbar vollgefressener Python. Als sie die Schlange töteten und aufschlitzten, fanden diese die Leiche von Chine, welcher offensichtlich mit den Füßen voran verschlungen worden war.

Ebenfalls in Burma wurde im Jahre 1972 ein Achtjähriger ein Opfer für einen Python. Die etwa sechs Meter lange Schlange überraschte den Jungen beim Spielen, packte zu und erdrosselte das Kind. Als man die Schlange schließlich fand, tötete und öffnete, entdeckte man die Leiche des Kindes.

In Südafrika wurde im Jahre 1979 der vierzehnjährige Hirtenjunge Johannes Mokau, der auf einer Farm nördlich von Johannesburg seine Schafe hütete, von einem Python angegriffen und umwickelt. Als Landarbeiter kurz darauf das Geschehen mitbekamen, eilten diese zum Tatort und gingen mit Äxten und Mistgabeln auf die Schlange los. Doch das Eingreifen kam bereits zu spät. Der Junge war bereits erstickt und mehr als die Hälfte von ihm befand sich bereits im Körper der Schlange. Diese Python war gerade einmal 4,50 Meter lang, also ein Zwerg gegen voll ausgewachsene Exemplare oder gar die großen Boas und Anakondas aus Süd- und Mittelamerika.

Im Grenzgebiet zwischen Ecuador und Kolumbien kam es Anfang Mai des Jahres 2000 zu einem verzweifelten Kampf zwischen einem ausgewachsenen Mann und einem etwa fünf Meter langen Boa constrictor. Vermutlich befand sich die Schlange auf einem Baum, als der unbekannte Mann wohl von der Riesenschlange angefallen wurde. Das Tier wickelte sich um seinen Brustkorb und brach ihm dabei etliche Rippen. Kurze Zeit später fand man die Schlange, die einen dicken Knoten in ihrem Körper aufwies. Jäger fingen und töteten das Tier und wollten herausfinden was diese Schlange gefressen hatte. Als man die Schlange schließlich öffnete, machte man eine grausige Entdeckung. Man fand die Leiche des unbekannten Mannes.

Im August 2001 wurde ein achtjähriges Mädchen in Pittsburgh (US-Bundesstaat Pennsylvania) von einem Python angegriffen. Die drei Meter lange Schlange wickelte sich um den Hals des kleinen Mädchens und würgte es, berichtete die Zeitung „Pittsburgh Post-Gazette“. Die Mutter hatte nach Angaben der Polizei gerade noch entdeckt, dass sich die Würgeschlange um den Hals ihre Tochter gewickelt hatte. Es war ihr noch gelungen den Python wegzuzerren, doch zu diesem Zeitpunkt hätte die kleine Amber Mountain schon nicht mehr geatmet. Der Vater des Mädchens sei ein begeisterter Schlangensammler, berichtete die Zeitung. Er habe fünf große Würgeschlangen und zahlreiche Echsen im Haus der Familie gehalten. Wie die 18 Kilogramm schwere Schlange aus ihrem Terrarium im Schlafzimmer des Ehepaares entkommen konnte war zunächst unklar. Dieser Vorfall ist einer jener Fälle, welcher aufzeigt, dass selbst als harmlos geltende Würgeschlangen als Haustiere nicht zu unterschätzen sind. Vermutlich hatte die Schlange Hunger und war auf der Suche nach Nahrung, als ihr das Mädchen entgegenkam.

Ein Python-Besitzer ist im Februar 2002 im US-Bundesstaat Colorado Opfer seines exotischen Haustiers geworden. Der rund drei Meter lange und 40 Kilogramm schwere Burmesische Netzpython erwürgte den Mann. Die Schlange sei plötzlich aggressiv geworden und habe sich um den Hals des Mannes gelegt. Die von einem Mitbewohner gerufenen Rettungskräfte hätten den Mann nicht retten können. Neun Männer waren nötig, um die Schlange von dem Toten zu trennen.

Dies sind nur einige Beispiele und die Liste solcher Fälle ließe sich in großem Umfang mit Hunderten ähnlicher Fälle erweitern. In der Regel sind diese Tiere sehr ruhig und träge und fallen nicht grundlos über Tiere oder Menschen her, erst wenn diese Tiere Hunger verspüren, werden diese gefährlich und fallen über eine potentielle Beute her. Hierbei kann es vorkommen, dass ein unvorsichtiger Mensch zum Opfer dieser Tiere wird.

Nach einer Mahlzeit dieser Art benötigt eine Würgeschlange wochenlang keine Nahrung mehr. Wie bereits erwähnt, sollte man selbst eine im Haus gehaltene Würgeschlange nicht als harmlos bezeichnen, denn diese sind von ihren Instinkten her immer noch wilde Tiere. Hier sollte man jedoch darauf hinweisen, das solche Unfälle mit großen Würgeschlangen wirklich sehr selten sind. Die Wahrscheinlichkeit in freier Wildbahn von einer Würgeschlange angegriffen und getötet zu werden ist sehr gering. So ist die Wahrscheinlichkeit von einem Haushund getötet zu werden ungleich höher zu bewerten. Solche tragischen Zwischenfälle kommen leider immer wieder einmal vor, sind aber eine sehr seltene Ausnahme. Der Mensch gehört nun einmal nicht ins Beuteschema von Schlangen und nur wirklich große, ausgehungerte Würgeschlangen werden für einen Menschen gefährlich, sofern sich keine andere Nahrungsmöglichkeit anbietet. Das Risiko ist bei Schlangenhaltern hingegen erheblich größer, jedoch kommen auch hier nur solche Unfälle vor, wie oben beschrieben, wenn man die Schlange falsch behandelt, etwa Anzeichen von Hunger lange Zeit ignoriert und sich anschließend unvorsichtig der Schlange nähert und diese sogar in dieser Verfassung um den Hals hängt. Leider gibt es immer wieder solch leichtsinnige Schlangenhalter, weshalb es ab und an zu tödlichen Unfällen kommt. Diese Unfälle sind jedoch kein Grund vor diesen wunderschönen Wesen Angst zu haben.

Autor: Michael Schneider

1 Kommentar zu „Menschenfressende Schlangen

Schreibe einen Kommentar